gestern hörte ich eine geschichte, bei der mir schier die haare zu berge standen
ein nettes treffen. ex-kolleginnen. eine, die in amerika lebt und hier urlaub macht, eine andere, die ich schon länger nicht gesehen habe, und eine dritte, die noch immer bei meiner ex-firma arbeitet, aber vor einiger zeit schier in der versenkung verschwunden ist.
wir sitzen im gastgarten eines wiener beisels, trinken, essen, lachen viel, haben spaß. der abend ist lau, der wein schmeckt. irgendwann kann ich meine neugier nicht mehr zähmen und frage die ex-kollegin, die noch in meiner ex-firma arbeitet, wie die dinge dort stehen.
ich habe noch nie ein gesicht gesehen, dass dermassen offensichtlich vor meinen augen in sich zusammengefallen ist. von fröhlich in depressiv, traurig, enttäuscht-von-der-welt-sein.
und dann erzählt sie (ich nenne sie I) uns ihre geschichte.
schon vor meinem weggang aus meiner ex-firma waren zwei dinge sofort klar: mit dem neuen boss kommt ein neuer ton zwischen den indianern auf. und: ganz offensichtlich steht I ebenfalls auf seiner abschussliste.
es fängt alles “relativ harmlos” an. doch dann beginnt der neue boss sie zu schneiden und macht I systematisch fertig. geht sie auf urlaub und sorgt für eine angemessene vertretung, ist es nicht recht - weil bosssache. gibt sie dem boss ein halbes jahr bevor sie auf urlaub geht bescheid, verschiebt er die suche nach einer urlaubsvertretung so lange, bis sie zwei tage vor urlaubsantritt ihn erinnert: “du hast noch keine vertretung für mich.” die antwort des bosses: “was? jetzt gehst auf urlaub? und wieso hast du dich nicht um eine vertretung gekümmert?”
die situation verschlimmert sich, weil die kollegen sich ihr gegenüber plötzlich wie der boss verhalten. aus selbstschutz? feigheit? leute, von denen ich es niemals gedacht habe, schippern im gleichen fahrtwasser und mobben I wo’s nur geht.
wenn I ins raucherkammerl kommt, verlassen alle anderen den raum.
wenn früher befreundete ex-kollegen sie am gang treffen, schauen sie betreten zu boden.
doch das mobbing wird noch gesteigert. Is arbeit wird torpediert, permanente seitenhiebe inklusive. I ist mit 57 jahren indianertechnisch gesehen nicht mehr die jüngste. seit 15 jahren leistet sie stets hochgeschätzte arbeit. jeder ex-boss war mit ihren werken mehr als zufrieden. und plötzlich ist das alles nicht mehr der fall?
man lastet I immer mehr arbeit auf. sie liefert ihren job in üblicher top-qualität ab. selbst der schlimmste mobber kann hier nur schwer etwas aussetzen. dann wird I ein neuer arbeitsbereich aufs auge gedrückt - das hat in dieser firma system: wenn du jemand los werden willst, setzt du ihn auf einen posten, den er nach bossischem ermessen nicht schaffen kann. der ungeliebte mitarbeiter geht von selbst. doch auch diese hürde meistert I in üblicher brillianz.
man versteift sich wieder aufs face-to-face-mobbing. auch die kollegen machen eifrig mit. man irrt: eine krähe hackt der anderen offensichtlich doch die augen aus …
I quält sich durch schlaflose nächte. fühlt sich am sonntag unwohl, weil sie am montag wieder zur arbeit muss. I erkundigt sich über die noch verbleibenden dienstjahre, bis sie in pension gehen kann, auch, was sie an pensionszahlungen bekäme, würde sie sofort gehen. die finanziellen einbußen sind einfach zu hoch. I muss weiter arbeiten.
irgendwann wird dem neuen ex-boss klar, dass er I nicht das wasser abgraben kann. I kann und wird nicht freiwillig kündigen. er riskiert den finanziellen verlust, beordert sie zu sich und sagt ihr hämisch grinsend ins gesicht: “I, du bist wegen absoluter unfähigkeit entlassen.” ist das denn bitte wirklich notwendig? wo bleibt der stil, der respekt, der anstand? … die wahrheit?
I wird freigestellt. ordnet ihr leben. fühlt sich endlich wieder wie ein mensch. I ist aber auch klar, dass sie weiter arbeiten muss, sonst sieht es mit der pensionszahlung müde aus. daher kann I gar nicht anders, als sie einen anruf von der alten firma bekommt, man hätte einen anderen job für sie im haus gefunden. I muss die arbeit annehmen.
die neue abteilung befindet sich, gott sei dank, in einem anderen haus. die chance auf die lieben ex-kollegen zu treffen ist relativ gering. glücklich ist I nicht, aber sie wird bis zur pensionierung durchhalten müssen.
einmal mehr stelle ich mir die frage: wo sind die menschen geblieben, die ich einmal als freunde bezeichnet habe … ? wo bleibt die menschlichkeit an sich, das kollegentum? sollen diese dinge der karriere wirklich geopfert werden, und ist karriere das überhaupt wert? ich frage mich immer mehr, was wird aus dieser welt wenn die geringsten höflichkeits- und anstandsrituale nicht mehr eingehalten werden?
die arbeitswelt mutiert immer mehr zu einem gefährlichen haifischbecken …
13 Antworten bis hierher ↓
Sonnenschein // Mai 13, 2008 um 7:00 Uhr vormittags
wahnsinn, was ich da lese.
es erinnert mich aber auch an das, was man mir in meinem letzten job vor der pensionierung angetan hat. es war schier die hölle.
das hirn morgens beim portier abgeben, dazwischen lediglich erfüllungsghilfe sein um nicht aufzufallen, abends hirn wieder mitnehmen.
mit 57 - “vorzeitige alterspension bei langer versicherungsdauer” und einem erheblichen abschlag der basispension NACH “altersteilzeit” wo ja auch das gehalt bereits vermindert ist. so viel mal zum thema geld.
aber - wie man mir mitteilte - “wir müssen den jüngeren mitarbeitern platz machen”. damals war ich gerade 54 vorbei. jene person aus dem personalbüro ist genauso alt wie ich und - so viel ich weiss - heute noch da.
die jobs in anderen firmen vor dem letzten haifisch-job waren immer zur vollsten zufriedenheit meines bosses und der kollegen. niemand hat mich gerne gehen lassen.
und da war ich allen ein dorn im auge. auf einmal war alles schlecht was ich tat. alle fehler der abteilung waren von mir gemacht. kein mensch sprach mit mir. schlussendlich gab man mir immer andere jobs die weit unter meiner qualifikation lagen. junge tutter (alles burschen, weil frauen kamen zu diesen “hochgestellten” jobs nicht) hatten einzig und allein die “macht”, teilbereiche der buchhaltung zum bearbeiten zur verfügung zustellen. und das, wo ich bereits in grossen internationalen firmen die leitung der ganzen abteilung und lange auch die vertretung der finanzdirektion machte, EDV-coordinator war und bis zu 6 leute als mitarbeiter hatte.
es schmerzt unendlich, auf diese art und weise abserviert und gedemütigt zu werden. hat man doch immer gerne gearbeitet, sonst wäre die leistung ja auch nicht da gewesen.
liebe “I”, glaub mir, die zeit geht vorbei.
ein bisschen dauert es, bis man diese gemeinheiten und ungerichtigkeiten verdaut hat. und dann - es ist so schön, endlich OHNE der haifische sein leben geniessen, sich sein umfeld nach eigenen bedürfnissen gestalten zu können. man sich das verdient.
anfangs ist es nicht leicht, mit dem ach so gering gewordenen mammon aus zu kommen.
aber auch daran gewöhnt man sich und ist ganz einfach glücklich.
die “zeit danach” ist einfach wunder-, wunderschön. durchhalten !!! und sie kommt bestimmt …
kipet // Mai 13, 2008 um 9:04 Uhr vormittags
danke, sonnenschein, für die aufmunternden worte an I. ich denke, wenn sie deine zeilen liest, wird sie sich - bzw. “ihre situation” - oft wiedererkennen.
es ist eine schande, wie heute in der arbeitswelt mit mitarbeitern (und kollegen) umgegangen wird. diese kaltschnäuzigkeit und missachtung. ich fände es schön, wenn wieder ein zivilisierterer ton ins haifischbecken einzug halten würde. wieso sich und seinem umfeld das leben vermiesen, wenn es doch auch anders gehen kann und könnte … ?!
Frau Weitergelesen // Mai 13, 2008 um 9:33 Uhr vormittags
Grausam. Grausam, wie sich Menschen plötzlich gegen einen wenden können. Ich weiß nicht, wer so einen Psychoterror durchhalten soll. Ich persönlich würde es nicht, weil sich derartige Dinge sofort in körperlichen Beschwerden manifestieren und ich Konsequenzen ziehen muss.
Ich wünsche I., dass sie an Menschen gerät, die ihre Arbeit und ihr Wesen zu schätzen wissen. Und ich wünsche mir, dass diese Mobber einmal selber in so eine Situation kommen, in die sie I. gebracht haben.
kipet // Mai 13, 2008 um 10:26 Uhr vormittags
Die Masse läuft mit. Chutzpe oder Zivilcourage findet man leider selten. Jeder ist sich selbst der Nächste und wenn es um den Job geht, kuschen viele lieber um sich nicht in “Gefahr” zu begeben.
Einerseits verständlich - der Arbeitsmarkt wird immer enger und brutaler. Andererseits könnte ich mir nicht mehr im Spiegel begegnen.
I ist eine starke Frau. Aber die Zeit des Mobbings hat sie viel gekostet. Eine harte Schule, durch die sie hat gehen müssen und ich bin für sie froh, dass sie aus diesem Haifischbecken raus ist!
Coltaine // Mai 13, 2008 um 10:44 Uhr vormittags
Seit Jahrzehnten wird eines gelehrt: Erst ich, dann eine Weile nichts, dann der Rest. Auf Schöndeutsch heißt das Selbstverwirklichung. Wer unterwegs dabei im Weg steht, wird beseitigt oder beseitigt einen selbst. Ich persönlich wurde anders erzogen und sehe auch zu, dass ich nicht so werde.
Aber die Realität sieht halt so aus, dass man A…nders werden muss, wenn man zu etwas kommen will. Was ich da gelesen habe, ist unterste Schublade. Angesichts der Tatsache, dass es schon nicht mehr schlimmer werden kann, würde ich darüber nachdenken, die Mobbing-Aktionen sauber zu dokumentieren. Speziell die Aufträge, abgelieferte Arbeit und entsprechende Reaktionen seitens der anderen darauf. Wenn genug vorhanden ist, das Gericht einschalten. Wie gesagt, viel schiefgehen kann ja nicht mehr.
kipet // Mai 13, 2008 um 11:04 Uhr vormittags
Mobbing dokumentieren und zur Anzeige bringen finde ich gut und würde es auch jedem raten. Nur ist das auch eine Frage des Timings.
Ab wann beginnt Mobbing wirklich? Was ist (blöder und schlechter) Schmäh, was echt?
Wenn Mobbing schon eine Zeit lang andauert, bringt man zu alledem nicht mehr die Kraft auf. Man braucht jeden Funken Energie sich täglich ins Büro zu schleppen und sich den Anfeindungen der “lieben” Kollegen zu stellen.
coltaine // Mai 13, 2008 um 11:46 Uhr vormittags
Wenn man sich gehen lässt, ja. Aber warum entgegenstellen? Warum nicht zu dem Punkt kommen, an dem man sagt: Mir doch egal. Die Kollegen sind egal und der Chef erst recht. Wenn sie es auf die harte Tour wollen, dann bitte. Ich würd sogar soweit gehen und deutlich machen, dass ich das Mobbing notiere. Also mehr oder weniger den Spieß umdrehen. *g*
Man muss nur, wie viele es auch so schon machen ohne Mobbing, einfach mit der Firma abschließen.
Wobei, reden lässt sich immer gut, nicht wahr
kipet // Mai 13, 2008 um 12:43 Uhr nachmittags
Generell wäre es gut, könnte man sich in gewissen Dingen - vor allem im Arbeitsbereich - eine Art “Elefantenhaut” zulegen. Eine, die Anfeindungen kurzerhand abprallen lässt. Nur: wo kriegt man das zu kaufen?
Ich denke auch, wenn Du Mobbingopfer bist, siehst Du Dich wirklich nur schwer raus und verstehst die Welt nicht mehr. Ob man da so cool reagiert und den Spieß “einfach” umdreht (sprich Mobbingsituationen notiert etc.) weiß ich nicht. Den Mobbern würd ich’s irgendwie gönnen, dieses Gefühl der Verunsicherung!
Vanessa // Mai 13, 2008 um 7:23 Uhr nachmittags
Es ist einfach nur traurig und eben leider auch kein Einzelfall. Das wirklich traurige dabei ist eben, dass man als Opfer kaum eine Möglichkeit hat “gut” und “gesund” aus der Sache heraus zu kommen. In fast allen Fällen zieht man den kürzeren und muss am Ende fliehen, um nicht noch weiter gesundheitliche Schäden zu erleiden.
Und leider kommen die “Mobber” so fast immer auch an ihr Ziel und erhalten auch noch eine Bestätigung für ihre beschämendes Verhalten.
Sonnenschein // Mai 14, 2008 um 7:10 Uhr vormittags
tja, und das allerschlimmste dabei ist - der betroffener merkt es erst gar nicht.
das kommt so schleichend.
zuerst denkt man sich, “hast halt einen schlechten tag und bist empfindlich”.
man bemüht sich besser und auch freundlicher zu sein.
damit beginnt die spirale nach unten.
und irgendwann hängt man so drinnen, dass man die kraft und das selbstwertbewusstsein nicht mehr hat.
es gibt auch an der arbeitskammer eine “mobbing”-stelle. die dame mit der ich da gesprochen habe war recht nett.
nur wenn ich mich daran erinnere, dass ich gerade zu dem zeitpunkt als es mir damit so schlecht ging einen mann kennen lernte (zufälle gibt es ja keine …), der betriebsrat der betriebsräte (ja, auch so etwas gibt es in unserem lieben österreich) ist oder heute vielleicht auch schon “war”.
dieser mann meinte in einem gespräch: “mobbing gibt es nicht. diese leute sind selber schuld.”
meine ehemaliger fast-schwiegersohn der an der wirschafts-uni studierte meinte damals, dass dieses verhalten an der uni unterrichtet wird.
mein rat aus heutiger sicht - nichts gefallen lassen.
und wenn man es merkt, hilfe in anspruch nehmen.
und wenn es wegen alter oder was auch immer nicht möglich ist zu wechseln - bitte nicht davor scheuen, professionelle hilfe in anspruch zu nehmen. das kann wirklich SEHR helfen.
und - wer weiss - vielleicht steigt man dann wie phönix aus der asche, geläutert und gefestigt in vielen bereichen …
kipet // Mai 14, 2008 um 7:50 Uhr vormittags
auch I hat professionelle hilfe angenommen. eine gesprächstherapie gemacht. erst nach einigen monaten hatte sie endlich die kraft zu sagen was in ihr brodelt. heute geht es ihr - wie gesagt - besser.
das problem beim mobben ist tatsächlich, dass man es meist zu spät bemerkt. wie sonnenschein richtig sagt, man ist dann schon ganz weit unten - psychisch gesehen und auch in der firmenhierarchie. sich von dort wieder hoch zu kämpfen erfordert mut und durchhaltevermögen.
oft ist leider eine “flucht”, wie vanessa meint, tatsächlich der letzte ausweg. die mobber haben so zwar gewonnen, aber mir, als gemobbten, geht es psychohygienisch besser - zwar mit einem bitteren beigeschmack, aber doch.
übrigens, ein sehr zynischer ansatz, wenn man zukünftigen managern an der WU wien das mobben lehrt. manager sollten leute führen können und gar nicht erst in die lage kommen, einen indianer durch mobben streichweich zu machen …
coltaine // Mai 14, 2008 um 9:18 Uhr vormittags
Mich wundert dann bei solchem Unterricht nicht mehr, dass viele Menschen unzufrieden sind mit ihrer Arbeit. Als Unternehmer sollte man seine Leute motivieren, nicht mobben. Immerhin schlägt das auch auf das Unternehmen selbst zurück, durch “Dienst nach Vorschrift”, subtiles Quertreiben, Spalten der Belegschaft u.s.w.
Sicherlich gibt es unangenehme Mitarbeiter, die man gern loswerden möchte, aber quasi unkündbar sind, aber das ist doch wohl eher die Ausnahme und sollte selbst dann nicht auf DIESE Weise geregelt werden.
Als Chef solch eines “Managers” würd ich ihn kielholen, bis Intelligenz in sein Hirn tropft. Der sollte dann auch für den Arbeitsausfall, der durch sein Verhalten gegenüber seinen Untergebenen entstanden ist, persönlich aufkommen.
Schöne Theorie. Ich nehm die blaue Pille und will wieder in die Matrix zurück *g*
kipet // Mai 14, 2008 um 12:03 Uhr nachmittags
haste noch ‘ne blaue pille übrig? ich komm dann gleich mal mit in die matrix — aber nicht den fotoapparat vergessen, gelle!?!
im ernst: schwarze schafe gibt es immer wieder. und leider merken die häuptlinge oft ein bisserl zu spät, dass ihre sub-chiefs nicht ganz so personalgeschult sind wie es für das arbeitsklima in deren firmen optimal wäre. der schaden ist meist schon angerichtet, bis die gerüchteküche auch in der chefetage landet.
im großen und ganzen dürfte es zwischen häuptlingen - sub-chiefs - indianern doch ganz passabel laufen … ich habe bis zu dem zeitpunkt, als mein neuer ex-boss in erscheinung getreten ist, immer sehr gern DORT gearbeitet …
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