tagebuch einer (pseudo)arbeitslosen

chancenlos am arbeitsmarkt?

August 14, 2008 · 14 Kommentare

heute hörte ich von meiner freundin L eine wirklich traurige und sehr demoralisierende geschichte …

L ist nach einem unfall auf einem auge blind. das auge sieht aus wie jedes funktionierende und L kann damit umgehen. wer von ihrem handicap nichts weiß, würde nie auf die idee kommen, dass sie nur auf einem auge sieht. 

L lernte ich im zuge einer ausbildung, die uns das AMS bezahlte, kennen. es war freundschaft auf den ersten blick, ein absolutes verstehen. L ist um ein paar jährchen älter als ich. erfahrene und einst hoch geschätzte controllerin. L wurde von einer jüngeren, ambitionierten kollegin beim chef zu unrecht angeschwärzt und musste letztendlich den hut nehmen. dass jener chef heute klarer sieht und sich bei L entschuldigt hat, wiegt das seit 3 jahren arbeitslos sein nicht auf. einen job hat besagter ex-chef L trotz entschuldigung nicht mehr angeboten. 

L gehört – genau wie ich – zu der gruppe der über 35jährigen arbeitslosen und daher nicht mehr vermittelbaren frauen. 

in den letzten wochen hat L trotz inneren zweifels, weil „dabei eh nix rausschaut“, wie sie immer sagt, ein paar motivationsschreiben in die arbeitswelt ausgeschickt. wider erwarten sah es diesmal gut für L aus. sie kam in die letzte bewerberrunde – nur noch sie und eine andere dame waren im rennen. 

das letztrundengespräch mit dem personalchef verlief blendend. L hatte das gefühl den job sicher in der tasche zu haben. die signale des personalchefs standen eindeutig auf grün. L kann sich sehr gut verkaufen. L weiß was sie kann und ich zweifle keine sekunde, dass sie den job bekommen hätte …

ja, hätte, denn L plagte das gewissen. L musste dem personalmenschen von ihrer einäugigkeit berichten. das dauergrinsen des personalmenschen gefror auf seinem gesicht zu einer stoischen maske. kein zucken der mundwinkel, kein funken freundlichkeit war mehr zu sehen. nada. 

L versuchte es noch mit versprechungen von wegen ein halbes jahr auf probe arbeiten und dergleichen dinge. einfach, weil sie das gefühl hatte, der job, der ihr dort angeboten wurde, wäre genau das richtige für sie. job und L hätten zusammengepasst wie … die faust aufs auge. perfecto.

der personalchef versprach dem big chief Ls entgegenkommen zu unterbreiten, machte aber eigentlich von haus aus klar, dass er da nun wenig hoffnung sieht. 

und so kam es auch: der big chief entscheid sich für die andere bewerberin. L brauchte ein paar tage um sich aus dem nachfolgenden tief wieder rauszuwursteln. 

ist das nicht traurig?
warum sollte ein ein wenig gehandicapter mensch nicht seine arbeit zur vollsten zufriedenheit eines big chiefs erledigen können?
will die welt wirklich belogen und betrogen werden … ?

Kategorien: (zwischen)menschliches · arbeitsloses

14 Antworten bis hierher ↓

  • Sandkatze // August 16, 2008 um 6:21 | Antworten

    Liebe Kipet, manchmal glaube ich auch, dass die (Arbeits-) Welt belogen werden möchte.
    Ich bin ein ehrlicher Mensch, aber durch die kleinen Praktika habe ich lernen müssen, meine Zunge lieber im Zaun zu halten. Das fällt mir schwer, vor allem wenn ich offensichtliche „Mißstände“ sehe/gesehen hatte.
    Der Ehrliche, ist leider öfter dann doch der „Dumme“ :(

    VG Sandkatze

  • kipet // August 16, 2008 um 10:02 | Antworten

    Hi Sandkatze,

    traurig … Ich bin auch eher eine ehrliche Haut und hab mir nicht selten deswegen im Berufsleben schon einige Male die Finger verbrannt. Ich finde es schade, dass man mit Ehrlichkeit nicht immer besser weiter kommt.

    LG Kipet

  • Frau Weitergelesen // August 19, 2008 um 11:02 | Antworten

    Chancenlos auf dem Arbeitsmarkt sind so viele Menschen. Es ist einfach zu leicht, in dieser kranken, auf Äußerlichkeiten bedachten Welt durch irgendwelche Raster zu rutschen. Es deprimiert immer wieder, so etwas zu hören/zu lesen. Und es macht unglaublich wütend. :?

  • kipet // August 20, 2008 um 9:30 | Antworten

    hallo frau w! wieder zurück aus dem urlaub? :-)

    ja, es ist ein drama am arbeitsmarkt. passt man nicht in die schablone jung, hipp und wunderschön hat man es am arbeitsmarkt sehr sehr schwer.

    meine ex-firma kippt gerade 35 leute aus dem unternehmen. aber nicht, dass man denkt, denen ginge es finanziell schlecht. im gegenteil. gewinn – geld – kohle scheffeln … sind wohl die einzigen maxime, die dort zählen.

    schade, denn wie sich dieser druck nun wieder auf das arbeitsklima dort auswirken wird, möchte ich gar nicht wissen!

    LG kipet

  • Frau Weitergelesen // August 20, 2008 um 6:45 | Antworten

    *schluchz* Ja, bin wieder da. Jetzt schon. Eine Woche ist doch gar nix. :-(

    Das mit deiner Ex-Firma ist doch nur die Spitze des Eisberges. Ich mag schon gar nicht mehr darüber nachdenken, wie Firmen, die schwarze Zahlen schreiben, trotzdem Leute entlassen. Es ist zum Ausrasten.

    Hm, aber damit kommen wir wohl auch auf die „Geiz ist geil-Debatte“ zurück und alle – eingenommen ich – kontern dann damit, dass man vom Geld immer weniger hat, weil die Kosten ins Unermessliche steigen. Kranke Welt. :?

  • kipet // August 22, 2008 um 11:37 | Antworten

    stimmt – eine woche urlaub ist wirklich zu wenig! aber auch 3 wochen sind zu wenig. urlaub forever – das wär was! ;-)

    sparen mag ja schön und gut sein, tut man es jedoch auf kosten seiner (verbleibenden) mitarbeiter, würde ich das nicht gerade als vorausschauend bezeichnen … geiz-ist-geil: ehrlich, why not?! aber bitte nur dort, wo ich es (menschlich) auch verantworten kann.

  • wortman // August 24, 2008 um 10:21 | Antworten

    in deutschland gibt es das „allgemeine gleichstellungsgesetz“. es soll verhindern, dass menschen aufgrund irgendwelcher dinge von jobs ausgeschlossen werden, wenn sie die gleiche oder eine bessere qualifikation haben.
    da L ihre „behinderung“ nicht vorher gesagt hatte, könnte es natürlich ein eigentor gewesen sein.
    andersherum: wenn sie das nicht behindert usw. warum nicht einfach mal die klappe halten, wenn es, wie du sagst, kaum zu bemerken ist.

  • kipet // August 25, 2008 um 4:56 | Antworten

    gesetze gibt es hier auch. und hätte L bezgl. ihres handicaps geschwiegen, hätte man am ende auch nichts machen können. ich denke, dass sie sich bei dem bewerbungsgespräch sehr wohl fühlte und dachte, sie habe den job in der tasche und wollte dem personalmenschen gegenüber ehrlich sein. was sich letztendlich auch gerächt hat.

  • lady of romance // September 6, 2008 um 12:33 | Antworten

    ich finde das einfach verrückt.
    Immerhin WAR sie so ehrlich und hat dies mitgeteilt.
    rechtlich als auch menschlich einfach nur daneben !!

  • kipet // September 6, 2008 um 6:57 | Antworten

    manchmal frag ich mich wirklich was die menschheit von einem will: ehrlichkeit wird bestraft, unehrlichkeit … belohnt?!

    hätte L ihren mund gehalten, hätte sie den job gekriegt und beweisen können, was in ihr steckt. so ist sie weiterhin auf arbeitssuche …

  • wortman // September 7, 2008 um 7:25 | Antworten

    es gibt zwar den spruch „ehrlichkeit währt am längsten“ aber den zweiten teil hat man dann weggeschnitten: „aber wer lügt gewinnt“.

    ehrlichkeit ist heute irgendwie schon auf dem weg ein fremdwort zu werden :(

  • chiefjudy // September 16, 2008 um 9:30 | Antworten

    Hm. Auch auf die Gefahr hin, daß ich jetzt geschlachtet werde… Mußte sie das dann wirklich noch sagen? Wieso, wenn es sie nicht beeinträchtigt (wieso sollte es das überhaupt, sie bewirbt sich ja nicht als Pilotin etc)? Bitte nicht falsch verstehen, ich bin auch für Ehrlichkeit – aber auf dem Arbeitsmarkt muß man eben ab und an „Ellenbogen“ bzw Tricks einsetzen. ist doch mittlerweile altbekannt… :(

  • kipet // September 17, 2008 um 10:30 | Antworten

    Hallo Chiefjudy,

    willkommen auf meinem Weblog!

    *gg* und nein, Du wirst natürlich NICHT geschlachtet! Ich dachte ähnlich wie Du. Ich kann mir nur vorstellen, dass L sich bei dem Bewerbungsgespräch so sicher und wohl gefühlt hat, dass mit ihr die Ehrlichkeit durchgegangen ist.

    Keine Angst, L spielt nimmer ehrlich, aber einen Job hat ihr das auch noch nicht eingebracht.

    LG Kipet

  • Folgende Bewerbungssituation … « tagebuch einer (pseudo)arbeitslosen // September 23, 2008 um 2:19 | Antworten

    [...] mit einer Wahrheit rausrückte, die ihr letztendlich die Anstellung gekostet hat (zum Link bitte hier [...]

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