Eigentlich ist dieser Job recht cool. Einfach. Man braucht nicht viel nachzudenken.
Ich arbeite ja seit kurzem bis zur Zuverdienstgrenze bei einem Wiener Umfrageinstitut. Warum ich das mache? Ich habe das Daheimhocken satt. Ich habe es satt mit 1100 Euro Notstandsgeld auskommen zu müssen. Und ich habe es satt von allen als faules Luder angesehen zu werden. Na ja. Mag ja wohl jetzt ein bisschen krass gesagt sein, aber es ist halt so.
Die Schulung wurde damals gleich beim Vorstellungstermin gemacht. Alles in einem Aufwasch. Eine kleine Erklärung was das Istitut macht, wieso es so heißt wie es heißt und wie unser Job aussehen würde.
Easy going, dachte ich mir und heuerte auch sofort nach der Schulung an.
Ein paar Tage später kam mein erster Dienst.
Ich wurde in die Nähe eines nicht gerade kompetent wirkenden Instructor gesetzt. Der erste Eindruck täuschte bei dem Mann. Wenn ich einmal einen kompetenten Menschen kennen lernen durfte, dann war er es. Er wusste einfach auf jede noch so blöde Frage eine gute Antwort. Und glaubt mir, ich ließ so ziemlich kein Frage-Fettnäpfchen aus, das ein Frischling in dieser Berufssparte fragen kann.
Wir – denn gleichzeitg mit mir fingen zwei weitere Umfrage-Frischlinge an – durften den Fragebogen erst Mal gründlich selbst durchgehen. Lesen, Frage still für mich selbst beantworten, eintragen, klick, und weiter. 70 Fragen oder mehr waren da zu beantworten. Somit wussten wir auch gleich, wie lange das Interview dauern würde. Eine Frage, die jeder Respondent gleich zu Beginn stellt:” Wie lang dauert’s denn?”
Ich wählte mein erstes Umfrageopfer an. Eine Nummer im Ländle. Wohlwissend welche sprachliche Diskrepanz das Ländle manchmal hervorbringen kann, wartete ich stolz auf mein erstes Interview. Peeep. Nichts rührte sich. Peeeep. Wieder nichts. Fünfmal durften wir es klingeln lassen, doch dann sollten wir wieder auflegen. Peeep. “Na geh, komm schon!,” denk ich mir. Und: “Des fangt ja scho gut an!”
Peee…und endlich, jemand hatte Mitleid!
“Joooo?”
Eine Kinderstimme. Na fein.
Ich las den Sermon, den wir verpflichtet sind unter allen Umständen runterzubeten vom Bildschirm ab und unterbrach mich mitten drin – hatte es denn überhaupt Sinn ein Kind mit dummen Fragen zu belästigen, wo es doch wenigsten 16 Lenze zählen musste um überhaupt in den Poll rein zu kommen?
“Äh, sag einmal, ist vielleicht Deine Mama oder Dein Papa da?” Welch eine Frage? Mir wurde damals immer eingetrichtert, wenn Dich das jemand fragt, leg auf, das geht nämlich niemand was an!
“Joooo, d’Mutta is do”, und bitte, verzeiht mir nun meine lieben Vorarlberger, wenn ich das mit dem Dialekt nicht hinkrieg. Ist wirklich nicht einfach.
“Super! Kannst Du sie mir bitte einmal geben?”
“Joooo”, sprachs und rührte sich nicht vom Fleck.
“Sag, bist Du bitte so lieb und holst mir Deine Mama her? Ich müsste ihr ein paar Fragen stellen”, ich flehte um Geduld.
“Joooo”, wieder blieb der Hosenmatz an der Strippe.
“Geh, sei so lieb. Ich würs mich sooo freuen, wenn ich kurz mit Deiner Mama reden dürft”, versuchte ich es noch einmal.
“Naaaa, des geht net”, kam die Antwort.
“Wieso denn nicht?”
“Sie is net da”
“Aaaaaha!” Herr gib mir Kraft! “Ist vielleicht Deine Omi oder ein Onkel oder eine Tante im Haus?”
“Joooo, de isch scho do”, trötete der Hosenmatz fröhlich ins Telefon.
“Fein, bist Du so lieb …”, setzte ich an.
“Ooooooooomiiiii! Kumm amal, da is a neugierige Frau am Telefon!” Freudig durchbrach der Junior die Schallmauer mit seinem Gekreische. Ich war halbtaub. Doch es zeigte Wirkung. Omi kam und machte als erste mein allererstes Umfrageinterview.
Meine erste Arbeitsschicht machte Spaß, muss ich ehrlich zugeben.
Besonders lieb waren mir Telefonpartner aus den Bundesländern. Freundlich, manche auch ein bisserl unwirsch aber meist bereit meine Fragen zu beantworten.
Ein Kompliment bekam ich auch: “Freuleinchen, sie ham a wirklich schöne, erotische Stimme”, meinte ein Wiener Herr.



8 Antworten bis hierher ↓
Frau W. // Oktober 14, 2008 um 5:45 |
*lach* Klasse beschrieben. Fühle mich fast, als hätte ich bei deinem ersten Telefoninterview neben dir gesessen.
Bleibt mir nur, dir noch viele nette – vor allem auskunftswillige – Interviewpartner zu wünschen. Toi, toi, toi.
Sonnenschein // Oktober 14, 2008 um 6:27 |
das klingt lustig!
Ini // Oktober 14, 2008 um 8:06 |
viel Glück bei deiner Arbeit Kipet!
hoffentlich kommst du an gesprächigere Kunden, als ich es bin.
liebe Grüße
Ini
kipet // Oktober 14, 2008 um 9:37 |
Danke Euch allen!
Ich muss sagen, meine erste Umfrageschicht war voll OK. Klar, es demoralisiert gewaltig, wenn man anruf, anruft und wieder anruft, seinen Charme sprühen lässt, aber keiner steigt drauf ein und man kriegt maximal ein “Nein, kein Interesse” in die Ohrmuschel geschmettert. Aber die paar Interviews, die man führt, machen das alles meist wieder wett.
Und: früher, als ich auch des öfteren Umfrage-Opfer war, hab ich den armen Interviewern ebenfalls oft recht knapp und bündig mein NEIN entgegengeschleudert. Heute denk ich natürlich anders darüber!
orange 57 // Oktober 14, 2008 um 7:42 |
Liebe kipet,
ist nicht einfach.Auch ich lass mich immer wieder überreden mich ausfragen zu lassen. Nachdem ich von Bekannten weiss, dass es eben gar nicht lustig ist, wenn keiner sich die Zeit nehmen möchte und man sich die Finger wund wählt (eigentlich wählt man ja gar nicht mehr, aber diese Redewendung hat sich bei mir so festgehakt) bis man wieder ein “Opfer” in der Leitung hat.
Wünsche noch viele auskunftsfreudige Telefonkandidaten.
LG orange 57
kipet // Oktober 18, 2008 um 6:05 |
Liebe Orange57,
wir sind bei meinem Umfrangeinstitut noch so “altmodisch” und wählen – aktiv. Und stimmt, es ist ziemlich zermürbend, wenn man wählt und wählt, und niemand will mit einem reden.
Besonders schwierig ist es, wenn ein Interview über 45 Minuten dauert. Ich bin da wahrscheinlich ein bisserl zu ehrlich und gebe von Anfang an zu, dass das Interview eben seine 45 Minuten dauert (weil’s mich als “Opfer” auch immer ärgert, länger als angegeben im Gespräch festzuhängen). Da sagen halt viele “nein, danke!”
Na ja, Gott sei Dank werden wir nicht nach der Anzahl durchgeführter Interviews, sondern nach Stunden bezahlt.
Alles Liebe, Kipet
sandkatze // Oktober 19, 2008 um 9:23 |
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Umfrageunternehmen nicht wirklich was vom Marketing/Umfragen verstehen. Das erste was wir in der Marktforschung gelernt haben, dass ein Interview bestenfalls 10min dauern sollte. Alles, was länger ist, nervt. Wir hatten dann selbst ein Umfrageprojekt durchgeführt und unsere “Fragerei hatte 25min gedauert….das war entschieden zu lang. Und da hatten wir den “Vorteil”, dass wir den Menschen direkt vor uns hatten und eventuell auch überreden konnten die Umfrage zu Ende zu geben. Aber 45min am Telefon…da würde ich ehrlich gesagt auch direkt auflegen.
kipet // Oktober 19, 2008 um 10:51 |
Hi Sandkatze,
genau, auch ich habe an der WU Wien einst gelernt, dass ein telefonisches Interview so kurz wie möglich gestaltet sein soll. Die Versuchung (vor allem bei Check-Fragen) einfach aufzulegen ist am Telefon unsagbar hoch. Ich wundere mich selbst immer wieder, wieso die Menschen bei 45-minütigen Umfragen bis zum bitteren Ende mitmachen!
LG Kipet