Der ganz alltägliche Bewerbungswahnsinn, die Erste

bewerbungswahnsinnIch habe mir gedacht, ich lasse ab nun die Welt da draußen, die arbeitende und die arbeitsuchende, an meinem höchstpersönlichen Bewerbungswahnsinn teilhaben – ich garantiere, am Ende bleibt nur ein fassungsloses Kopfschütteln …

Eine Jobausschreibung. Passt wie Faust aufs Auge – aber im positiven Sinn. Alles was ich kann, was ich bin und was ich liebe in einem Job vereint. Und: es wird extra nach Bewerbern ohne akademischen Abschluss verlangt (wieso ist klar, denke ich …?). Ich schreibe ein höchstmotiviertes Motivationsschreiben. Die Sätze fließen mir dabei wie von selbst über die Tastatur auf den Computerbildschirm. Perfekt.

Ich maile meine Bewerbung und hänge alles dran was nicht niet- und nagelfest ist: mein CV, schön neu gestaltet, Foto neu, kurz und bündig, knackig im Wortlaut. Perfekt.

Meine Zeugnisse – Arbeitszeugnisse, Weiterbildungszertifikate, Textproben. Perfekt.

Jetzt heißt es warten. Die Bewerbungsfrist endet erst in wenigen Tagen. Was soll’s – im Warten bin ich ja mittlerweile Weltmeister. Wieso es dafür allerdings noch kein Zertifikat gibt, frag ich mich – gibt es doch scheinbar für fast alles ein eben solches.

Keine drei Stunden später kommt ein Anruf: „Ja, Frau Kipet, Ihre Bewerbung passt ja hervorragend zu uns. Wir würden Sie gern zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Haben Sie morgen um 10 Uhr Zeit?“ Natürlich bin ich Feuer und Flamme und sage sofort zu.

Am nächsten Tag stehe ich früh auf, brezle mich der Branche entsprechend „tout en noir“ auf. Gut, dass ich am Vortag meine Haarfarbe aufgefrischt habe. Ein bisschen Kriegsbemalung, High Heels, Bewerbungsunterlagen fesch in ein Mäppchen – ebenfalls schwarz – gepackt tripple ich los in Richtung Arbeitswelt. Die Sonne scheint, ein winterlich laues Lüftchen weht, alles ist einfach … perfekt.

Mit einem guten Gefühl komme ich voll positiver Energie an der für mich hoffnungsvoll strahlend erleuchtenden Bewerbungslocation an, erklimme drei Stockwerke und frage nach Frau X, bei der ich mich melden soll. Die Vorzimmerdame lächelt mich an und sagt: „Ah, sie müssen die Frau Kipet sein, willkommen!“

Na könnte das denn besser gehen?

Die Tür zum Allerheiligsten geht auf, ich werde herein gebeten und stehe drei Menschleins gegenüber. Zwei Damen, ein Herr. Nett, erwartungsfreudig und lächelnd wird meine Hand geschüttelt, wir nehmen Platz – das Bewerbungsgespräch beginnt mit den üblichen Fragen: Wann, wo, wieso und wie … Ich meistere kleine Finten mit Bravour. Alle lächeln und scheinen höchst zufrieden.

Da beginnt die Chefinterviewerin mein CV durchzulesen. Sie stockt, blickt entsetzt auf ihre zwei Kollegen, sieht mich missbilligend an und meint: „Aber Frau Kipet, Sie haben doch einen Titel!“
Ich bin perplex: „Äh, nein, das wüsste ich …“
Sie: „Aber hier steht, Sie sind ‚akademische Bibliotheks- und Informationsexpertin‘. Das ist ein Titel!“
Ich will die Situation klar stellen: „Ah nein, Frau ZZ, das ist nur eine Bezeichnung um dem Lehrgang, den ich an der Uni Wien gemacht habe, einen Namen zu geben.“
Sie: „Aber nein, da steht ‚akademisch‘ – und das ist ein Titel.“ Dabei sieht sie mich an als wäre ich ein ekelhaftes Insekt. Der Gedanke: Jetzt hat die dumme Pute (=ich) uns Zeit gestohlen steht ihr ins Gesicht geschrieben.
Ich: „Ich garantiere Ihnen, Frau ZZ, dabei handelt es sich nicht um einen akademischen Titel. Ich kann gern unsere Studienleitung  bitten Sie anzurufen und das klarzustellen.“
Sie – total schnippisch: „Ich weiß, dass das nicht so ist, aber Sie können sich gern die Mühe machen.“

Schnell werde ich hinauskomplimentiert. Innerlich sehe ich einen feschen Fußtritt in meinen Allerwertesten anvisiert. Gezielt. Das war’s wohl, denk ich mir. Trotzdem kontaktiere ich die Studienleitung und bitte das Problem „akademische Bibliotheks- und Informationsexpertin“ mit Frau ZZ zu klären, was auch postwendend erledigt wird.

Noch am gleichen Abend erhalte ich eine Mail von Frau ZZ: „Leider haben Sie bei ihrer Bewerbung falsche Angaben gemacht. Wir suchten explizit nach Bewerbern OHNE (und das war auch in der Mail groß geschrieben) akademischen Titel, den Sie jedoch besitzen. Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Unternehmen aber …“ Der Rest der Mail vergeht sich am üblichen Absagesermon.

Conclusio: Tja, da bin ich also stolze Besitzerin einer Postgraduate-Ausbildung OHNE Titel, deren akademisch-geprägte Bezeichnung mir jedoch bei der Jobsuche hinderlich war.

Einerseits will man Menschen mit gehobener Ausbildung, andererseits wieder nicht – und das ganz einfach deswegen, weil man Menschen mit akademischen Titeln mehr bezahlen müsste.

Welt, wo gehst du hin?!

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9 Kommentare zu “Der ganz alltägliche Bewerbungswahnsinn, die Erste”

    1. LOL – würde ich Ross und Reiter nennen und jemand würde zufällig vor einem Bewerbungsgespräch meinen Namen googeln (was ja die meisten Personalmenschen heute tun) und die kämen auf mein Blog und entdeckten mein unwirsches Offenlegen mit Namen, Daten, Fakten – ich würd nie wieder in meinem Leben einen Job kriegen. Also lass ich davon lieber die Fingerleins! 🙂

    1. Ja, es ist wirklich unfassbar. Und ich hab noch mehr Geschichten auf Lager bei denen man im besten Fall nur den Kopf schütteln kann. Ich werd sie hier peu à peu posten …

  1. Irgendwie drängt sich mir der Gedanke auf, dass man nicht nur Angst hat mehr zahlen zu müssen weil ja auch Akademiker bei Neueinstellungen nicht unbedingt groß entlohnt werden.
    Könnte es vielleicht Angst vor Konkurrenz sein?

    1. Vielleicht passt das ganze Schema perfekt in die große Weltwirtschaftsverschwörungskrise der 1980er Jahre. 🙂 Keine Ahnung wieso man heute einfach nicht mehr angemessene Löhne bezahlt. Wäre mal wirklich eine sehr interessante Frage, der man unbedingt auf den Grund gehen sollte…

  2. Boah!
    Da fehlen mir die Worte…!!!
    Falschangaben, bewusst gemacht??
    Äh, hallo?? Die haben doch im Vorfeld Deine Bewerbungsunterlagen bekommen, ergo sind sie -hoffentlich!!- des Lesens mächtig und haben sich selbständig entschieden, Dich -megakurzfristig noch dazu!- zum VG einzuladen…
    Da hätte man von vorneherein als AG sagen können:
    Nee, die kipet is uns zu schlau, könnte zu viel Geld verlangen, zu oft die Klappe aufreißen oder gar selbständig DENKEN….

    Nee, echt mal.. das ist ne Schweinerei, was da mit dir gemacht wird…

    1. Das Problem hier war, dass die Chefstrategin bei meinem Bewerbungsgespräch gemeint hat, sie wisse alles besser. Sie wisse auch, dass sobald „akademisch“ irgendwo bei einem Ausbildungszertifikat dabei steht, es sich um ein abgeschlossenes Studium handle. Da war sie einfach informationsresistent.

      Aber vielleicht, und ich schätze das war wohl eher der Fall, hab ich ihr einfach nicht zu Gesicht gestanden. Ich denke, sie hat sich ein arbeitssozialisationsmäßig noch zu formendes Mädel gewünscht, das zwar all das, was ich in meinen 30 Jahren Berufserfahrung gesammelt hab, schon intus hat.

      Na ja. Ich hoffe für sie, dass sie ihre eierlegende Wollmilchsau gefunden hat.

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