Von Bewerbungen, Wiederbewerbungen, Quoten und Statistiken

wozuMit heutigem Tag bin ich um eine Bewerbungswahnsinnserfahrung reicher. Reicher. Klingt so positiv,  fast wie ein Zugewinn. Ist es aber nicht. Tatsächlich hat mich diese Geschichte so weit gebracht mich endgültig nach dem WOZU? zu fragen …

Man stelle sich vor: eine feine Bewerbungsausschreibung. Kohle ok, nicht die Welt, aber ok. Der Job klingt interessant. Und er ist für einen Alleinverdiener mit Katze finanziell machbar. Also motiviere ich mich und schicke meinen Bewerbungserguss Anfang Dezember 2015 an die ausschreibende Firma.

Die Zeit vergeht.
Und vergeht.
Es wird Weihnachten.
Die Silversterknallerei geht vorbei.
Und die Zeit vergeht.

Mitte Jänner 2016 kommt die erlösende Einladung zum Vorstellungsgespräch. Uff. Geschafft. Dem Wiedereinstieg ins Arbeitsleben einen kleinen, nicht unbedeutenden Schritt näher gekommen. Und – noch wichtiger – einen Schritt weg von AMS, seinen leidigen Schikanen und dem endlosen, extrem nervenden Bewerbungsmarathon.

Ich bereite mich auf dieses Gespräch sehr gewissenhaft vor. Wälze einst Gelerntes, lese Neues, studiere die Homepage des Unternehmens. Gehe meinen möglichen künftigen Wirkungskreis sogar vorab besuchen. Es sollte eigentlich ganz gut laufen.

Dann der Tag des Tages. Ich bin nervös. Ziehe mich der Umgebung angemessen an, nicht zu aufgetakelt, nicht zu lässig. Gediegen. Leicht bieder aber korrekt. Auf den Bibliothekarinnen-Dutt verzichte ich. Selbst im dereinst altfadrisch scheinendem Dresscode hat sich der Beruf tatsächlich weiterentwickelt.

Ich sitze im Wartekammerl. Fotografiere mit dem Handy um meiner Nervosität Herr – oder besser Frau zu werden. Es steht dort ja einiges rum, was man heute nicht mehr so sieht.

Dann geht die Tür auf. Der Personalchef kommt heraus, begrüßt mich, verabschiedet den Vorkandidaten und bittet mich ins Allerheiligste. Ich sitze einer weiteren Person gegenüber, meiner möglichen Abteilungsleiterin.

Das Gespräch verläuft – in meinen Augen – erfreulich. Sie geben mir ein gutes, akzeptierendes und aufmerksames Gefühl. Nach einer halben Stunde ist das Gespräch zu Ende. Ich bin positiv eingestellt, schüttle brav die Hände, blinzle hoffnungsfroh in zwei sehr sympathisch lächelnde Gesichter. Man werde sich bei mir melden.

Die Zeit vergeht.
Und vergeht.
Aus Tagen werden Wochen. Kein „willkommen im Club“ aber auch kein „du nicht“. Ich mache mir trotzdem schon keine Hoffnung auf eine Zweitrundeneinladung. Da trudelt eine Mail ein: „Leider … Blablabla …“ Traum zerplatzt. Einmal mehr. Ich lese die Mail nochmals durch und entdecke, dass man mir nicht für den Posten, für den ich mich beworben hab, abgesagt hat, sondern für einen anderen. Ich setze mich hin und hake via E-Mail nach. Ein kleines sparsames Hoffnunsgflämmchen vor Augen – vielleicht hat man sich ja geirrt?!

Inzwischen macht unter uns arbeitsuchenden Bibliothekaren das Gerücht die Runde, dass es zu keiner (dort üblichen) Zweitrunde gekommen ist. Was also ist passiert?

Ich warte.
Ein Tag vergeht.
Ein weiterer, als mich der Personalchef persönlich anruft. Ich erfahre, dass es aus diversen (bis heute ungeklärten) Gründen zu keinen Zweitrundengesprächen gekommen ist und ich mich doch auf das morgen neu erscheinende Ausschreiben nochmals bewerben solle. Aha – klingt ja eigentlich sehr positiv. Fast nach einer „g’maht’n Wies’n“.

Ich warte den nächsten Tag ab, nichts.
Am Tag danach – noch immer keine neue Jobausschreibung.
Es vergeht eine weitere Woche bis der Job wieder online steht. Ich bewerbe mich nicht zuletzt wegen des guten Zuredens des Personalchefs noch einmal.

Ich warte.
Die Zeit vergeht. Wochen nach Abschicken meiner Zweitbewerbung auf ein und denselben Job mache ich mir eigentlich nichts mehr vor.

Heute, fast fünf Wochen danach kommt eine Mail vom Personalchef: der übliche Absagesermon – plus: „… aber bitte schauen Sie immer wieder auf unsere HP, dort finden Sie unsere aktuellen Stellenausschreibungen. Bitte bewerben Sie sich wieder, sollte Ihnen eine Stelle zusagen …“

NA SICHA WERD ICH DAS TUN! Ich werde mich wieder und wieder und wieder und wieder bei euch bewerben nur damit ihr eure Bewerbungsstatistiken und Bewerbungsgesprächsquoten erfüllt! *sakrasmusaus*

Ich KONNTE es mir einfach nicht verkneifen und musste ein Antwortschreiben verfassen:

Sehr geehrter Herr XXX,

leider habe ich mir schon gedacht, dass aufgrund der langen Zeit, die vom Tag meiner neuerlichen Bewerbung bis heute verstrichen ist, ich diesmal nicht in die engere Auswahl für die Stelle als XXX  gekommen bin – obwohl Sie mir, nachdem ich bei der ersten Ausschreibung für eben selbigen Job im Jänner zu einem Vorstellungsgespräch in der XXX war, in unserem Telefonat extra angeraten haben mich bei der zweiten Ausschreibung des Postens nochmals zu bewerben. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht zuletzt deswegen die Hoffnung hegte ein zweites Mal wenigstens zu einem Erstrundengespräch gebeten zu werden.

Ich schätze somit ist es mit meiner Zweitbewerbung zur XXX (38,5 h/Woche) auch nichts geworden.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und verbleibe
mit freundlichen Grüßen, Kipet

Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Reue. Denn mir ist damit klar, dass ich mich bei dieser Firma sicherlich nie wieder bewerben werde.

Mir reicht’s.
MFG, liebe Bewerbungsschikanenwelt.

Ich mach’s jetzt wie Rita Hayworth in „Gilda“ (1946) und tanz mir mal eins:

giphy

LOL – kleiner Nachtrag: gerade eben flatterte eine E-Mail-Absage zur in meinem obigen Brief an den Personal-Chef angedeuteten Zweitbewerbung zur XXX (38,5 h/Woche) rein – diesmal nicht mehr unterschrieben vom Personal-Chef. Ich denke, er hat damit wohl meine Mail erhalten und verstanden…

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6 Kommentare zu “Von Bewerbungen, Wiederbewerbungen, Quoten und Statistiken”

    1. danke dir, sina. aber ich bin eigentlich nur noch sauer.
      andererseits ist das AMS mit einer weiteren bewerbung ruhig gestimmt und sieht, ich tu was möglich ist. also… ja irgendwann haut man den hut drauf. wenn’s nicht klappen will, muss ich das auch endlich mal lernen zu akzeptieren. das leben ist zu kurz um sich wegen so was in depressionen zu stürzen. hab ich hinter mir und ist abgehakt.

  1. Einfach grausig.
    Und dann hab ich da immer wieder die blöden, wichtig tuerischen Diskussionsrunden und sonstigen hohlen Luftausstoß einiger Besserwisser in Erinnerung und leider sicher auch noch vor mir – von wegen, wer arbeitslos ist mag ganz einfach nicht und ist somit faul.
    Jetzt würde ich gerne etwas zum politisch aktuellen sonst-noch-Thema kommen wo man all den vielen Menschen unbedingt sofort Arbeit verschafft …. ???
    Wo, so frage ich mich, bleiben Menschen wie du, liebe Kipet?

    1. menschen wie ich fallen ab einem gewissen alter komplett durch den raster. das ist nun mal der lauf der dinge. wenn du pech hast, wirst du im ungünstigsten alter arbeitslos und das war’s. schluss mit lustig. der weg zurück in die arbeitswelt ist schwerer als die besteigung eines 8000ers.

      ich kann mir nur dumme sprüche anhören, egal was ich da an gegenreden aus eigener erfahrung beisteuere, die anderen, die niemals in meiner lagen waren, wissen eh immer alles, einfach alles besser. immer.

      dazu kommen menschleins – nämlich diejenigen, die’s nicht müssen – auf die grandiose idee kommen auf arm auf zeit zu spielen und machen eine woche (oder einen monat) einen auf „#armeleuteessen“. auf die art, hei, was beschwert ihr euch, seht her, ich komm locker mit 26,41 euro am tag aus. lachhaft. was die herr- und frauschaften nämlich vergessen ist, dass man von diesen paar netsch mehr als nur das essen bezahlen muss – nämlich wohnung, strom, gras, öffis, handy, etc. das wirkliche drama namens „#armeleuteessen“ wirkt sich erst nach einem halben, dreiviertel jahr aus. bis dahin reichen persönliche, körperliche und emotionale reserven. doch dann ist der ofen aus und der ernst der lage beginnt dich zu erschlagen.

      am ende kommen noch von politikerseite drohungen von wegen ein mensch, der vom staat 835 euro „geschenkt“ bekommt, bekommt zuviel. na ja – da bleibt einem eigentlich nur die spucke weg.

      und zum drüberstreuen haben wir die voll motivierende AMS- und bewerbungsschiene, die dir das restweiße aus den augen kratzt. also mich wundert ehrlich nimmer wieso menschen nach einer gewissen zeit in dieser hinrissigen arbeitslosenrealität aufgeben und den lieben tag einen lieben tag sein lassen. der natürliche lauf der dinge: irgendwann hat man sich dann doch das hirn an dieser lebensenge genug angestossen und resigniert.

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